{"title":"Gelebte Konsequenz: Bruise von Assemblage 23","slug":"assemblage-23-bruise-review","url":"https://www.romanjasiek.de/assemblage-23-bruise-review/","published_at":"2012-06-08T04:39:00.000Z","updated_at":"2026-10-01T18:23:11.000Z","excerpt":"Es ist doch so: Die Welt dreht sich scheinbar von Tag zu Tag schneller. So richtige Konstanten gibt es dabei immer weniger. Was gestern noch gegeben, gesichert oder unveränderlich schien, hat heute, spätestens morgen, keinen Bestand mehr. Übersetzt auf Musik will diese Einleitung sagen: Immer öfter kann man sich bei Bands nicht sicher sein, dass der Kurs, den sie heute fahren, auch morgen noch der ihre sein wird. Klassisches, sich immer wiederholendes Beispiel sind einstige Electro-Bands, die ir","meta_description":null,"html":"<p>Es ist doch so: Die Welt dreht sich scheinbar von Tag zu Tag schneller. So richtige Konstanten gibt es dabei immer weniger. Was gestern noch gegeben, gesichert oder unveränderlich schien, hat heute, spätestens morgen, keinen Bestand mehr. Übersetzt auf Musik will diese Einleitung sagen: Immer öfter kann man sich bei Bands nicht sicher sein, dass der Kurs, den sie heute fahren, auch morgen noch der ihre sein wird. Klassisches, sich immer wiederholendes Beispiel sind einstige Electro-Bands, die irgendwann meinen, ihren Sound mit Gitarre verschlimmbessern zu müssen. Ist es da nicht schön, wenn es noch Künstler gibt, die ihren Weg seit Jahren konsequent und unbeirrbar gehen, allen Trends und aktuell populären Strömungen zum Trotz? Assemblage 23 ist Meisterkandidat in dieser Disziplin. In wenigen Tagen erscheint das neue Werk <strong>Bruise</strong>. Ich habe es mir angehört.</p><p>Als <strong>Tom Shear</strong> im Jahre des Herrn 2000 das erste <strong>Assemblage-23-Album Contempt</strong> veröffentlichte, konnte man gut und gerne unterstellen: Hier wird noch experimentiert, hier ist noch keine klare Linie, kein Pfad zum Beschreiten gefunden. Ziemlich sperrig, ziemlich kalt wirkte es damals. Und es klang auch nur sehr bedingt nach dem <strong>Assemblage 23</strong>, wie wir es heute kennen. Doch bereits ein Jahr später, mit dem Erscheinen von <strong>Failure</strong> hatte <strong>Tom Shear</strong> seinen Stil gefunden. FuturePop, damals noch nicht albernerweise als Brandmarke betrachtet, allererster Güte. <strong>Disappoint</strong> oder <strong>King of Insects</strong> zählen noch heute zu den großen Klassikern aus dem Hause <strong>Shear</strong>. Tja, und seitdem macht der Mann auch nichts anderes mehr. Nicht mit <strong>Assemblage 23</strong> jedenfalls. So konsequent einen einmal eingeschlagenen Weg zu verfolgen, ist im elektronischen Teil der Schwarzen Szene wohl beispiellos. Jedoch wäre es mehr als falsch zu sagen, dass sich <strong>Tom Shear</strong> aus lauter Ideenlosigkeit immer und immer wieder wiederholen würde und dass dies die Erklärung für die ewige Fortsetzung seines futurepoppigen Tuns sei. Wem dies als Theorie im Gebeiß anschwillt, sollte möglicherweise die Alben des in <strong>Seattle</strong> ansässigen Glatzenmannes noch einmal aufmerksam anhören. Während sich andere Bands ganz schnell in andere Spielarten elektronischer Musik verabschiedeten, nachdem die FuturePop-Blase irgendwann in den frühen 2000ern platzte, machte <strong>Shear</strong> weiter und fand hier seine Nische. In einer <strong>Sonic-Seducer-Ausgabe</strong> aus dem Jahre 2010 hieß es sogar mal: »Die Bezeichnung „Futurepop“ hat bei vielen Fans der schwarz-elektronischen Musik einen negativen Beigeschmack: Auch gerne als „Weiberelectro“ bezeichnet (oder war das schon wieder was anderes?), steht das Wort vielfach für einfallslose, weichgespülte, technoid-poppige Tanzmusik für schwarzgewandete Disco-Girlies.«</p><p><strong>Tom Shear</strong> beeindruckt das allem Anschein nach allerdings herzlich wenig. Seit nunmehr insgesamt 7 Alben verfeinert er seinen Stil, seine Vision von eingängiger, mal tanzbarer, mal zu Träumerei verführender Electropop-Mucke, die immer über eine ganz anständige Portion Melancholie verfügt. Und auf jedem seiner bisherigen Alben sind immer mindestens (!) ein bis zwei Perlen dabei, die für alle Zeiten als Genreklassiker gefeiert werden. Zu Recht. Mindestens aber als unsterbliche A23‑Meilensteine. Ebenfalls zu Recht. Und so verhält es sich auch mit <strong>Shears</strong> neuem Baby <strong>Bruise</strong>. Wir sprachen vorhin von Beständigkeit und davon, dass es vielleicht doch ganz hübsch wäre, wenn Dinge manches Mal gleich blieben. Nun, hier ist das der Fall. Auch im Jahre 2012 ist da, wo <strong>Assemblage 23</strong> draufsteht auch noch genau das drin. Nicht mehr, nicht weniger.</p><p><strong>Shear</strong> startet mit <strong>Crosstalk</strong>, dem ersten Stück, direkt durch. Eine fetzige, schnelle Nummer, die auch ganz gut auf <strong>Addendum</strong> hätte stattfinden können und vermuten lässt: <strong>Shear</strong> hat eine Menge neuer Energie gesammelt, die nicht länger zurückgehalten werden kann und sich bereits gleich zum Start das erste Mal entladen muss. Direkt beim zweiten Song indes gewährt uns <strong>der Amerikaner</strong> ein weiteres Mal einen Einblick in seine Fähigkeit, tolle elektronische Balladen mit düsterer Stimmung und düsteren Texten zu erschaffen und sich dabei auf Weltklasseniveau zu bewegen. Auch hier fühlte ich mich unweigerlich an frühere Tage erinnert, an das hier schon mal erwähnte <strong>King of Insects</strong> beispielsweise oder an <strong>Away</strong>. Selbstverständlich technisch und handwerklich einige Stufen über dem damaligen Niveau. Wie gesagt, <strong>Mr. Shear</strong> verbessert und verfeinert seinen Stil permanent, sodass <strong>Assemblage-23-Alben</strong> nur bei flüchtiger Betrachtung gleich bzw. sehr ähnlich klingen.</p><p>Und doch gestattet er sich bei aller Linientreue immer wieder auch kleinere Überraschungen. Will sagen: Modifikationen im Klangbild, die den Hörer erstaunt und erfreut aufhören lassen, ohne dass der selbst gesteckte Rahmen dabei zu sehr verlassen würde. Auf <strong>Bruise</strong> ist es beispielsweise das Lied <strong>Outsider</strong>, das neben seiner ergreifend schönen Melodie vor allem durch die (vermutlich nach <strong>Old</strong> endlich wieder einmal echten) Drums überzeugt. Und durch die Samples, die in meinen Ohren wie hübsch verfremdete E‑Gitarre klingen. Keine Sorge, die <strong>Apoptygma-Nummer</strong>, plötzlich auf Rock machen zu wollen, das erspart <strong>Shear</strong> sich und uns. Viel mehr sind es wohl platzierte Akzente, die dem Song eine ganz besondere Note verleihen und ihn in die oberste Liga nicht nur der <strong>Assemblage-23-Songs</strong> katapultieren. Ganz, ganz groß! Ein anderer Knaller ist das Stück <strong>Darkflow</strong>. Erste Assoziation dazu: Nanu! <strong>Herr Shear</strong>, wir haben wohl mal wieder in der <strong>Covenant-Plattensammlung</strong> gestöbert und dabei festgestellt, dass <strong>Leviathan</strong> und <strong>Tour de Force</strong> echte Hammersongs sind? Ich fühlte mich beim Hören dieses Songs jedenfalls sehr an besagtes schwedisches Trio erinnert. Macht aber nüscht. Was es hier zu hören gibt, dürfte in seinem Gebiet wohl einer der großartigsten Songs dieses Jahres sein! Fesselnde, ja beinahe hypnotische Melodie, eingängige Hooks… Tanzflächenfüller und Ohrwurm in einem! Damit hätten wir auch wieder die besagten ein bis zwei immergrünen Klassiker.</p><p><strong>Bruise</strong> steckt voller Zitate bzw. Andeutungen an frühere <strong>Assemblage-Werke</strong>. Vielleicht beabsichtigt, vielleicht nicht. Ist letztendlich aber auch völlig wumpe. Es ist wie eine Art Werkschau, ohne dabei jedoch eine solche zu sein. Ein Querschnitt durch das bisherige Tun und gleichzeitig wurde hier das Kunststück vollbracht, diesen in ein neues Gewand zu stecken. Somit ist die mutige Behauptung der Plattenfirma, es handele sich hierbei vielleicht um das beste <strong>Assemblage-23-Album</strong>, gar nicht so weit hergeholt.</p><p>Manchem Konsumenten mag es in der Tat so vorkommen, dass <strong>Assemblage 23</strong> auf der Stelle tritt. Bei viel zu oberflächlicher oder flüchtiger Betrachtung lässt sich dieser Eindruck wenigstens ein Stückchen nachvollziehen. Schließlich scheint selbst die Anzahl der Titel genauso seit Jahr und Tag auf 10 Stück festgenagelt zu sein wie der Umstand, dass der Albumtitel immer aus einem Wort zu bestehen hat. Ich persönlich fände das gegenüber <strong>Assemblage 23</strong> allerdings reichlich unfair. Seit Jahren schon schafft es <strong>Tom Shear</strong>, sich innerhalb seines musikalischen Kosmos zu bewegen und immer wieder neue Aspekte einzuflechten. Dabei bleibt das, was der geneigte Hörer an <strong>Assemblage 23</strong> mag, stets erhalten: <strong>Toms</strong> angenehmer, warmer Gesang, die tollen Melodien, der Spagat zwischen Tanzen und Träumen. So auch 2012 mit <strong>Bruise</strong>. Ein tolles Album mit einfach toller Musik. Vielen Dank, <strong>Mr. Shear</strong>, für Ihre Konsequenz. Schön, dass es noch Dinge mit Bestand gibt.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/a23-bruise-1.jpg\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"1200\" height=\"1200\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/09/a23-bruise-1.jpg 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1000/2026/09/a23-bruise-1.jpg 1000w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/a23-bruise-1.jpg 1200w\" sizes=\"(min-width: 720px) 720px\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Accession Records</span></figcaption></figure>","tags":["Musik"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/09/a23-bruise.jpg","archived_at":"2026-10-01T21:00:44.142Z"}